VDE Visual
VDE
12.11.2013 Veranstaltungsinfo 11 0

VDE-Energiegipfel 2013: Impulse für das Regierungsprogramm

• Über 600 Experten diskutieren „Energieversorgung auf dem Weg nach 2050“ • VDE empfiehlt Novellierung von Rahmenbedingungen und mehr Innovationsanreize • Technikakzeptanz und IT-Sicherheit kritische Faktoren

Der Umbau der elektrischen Energieversorgung zählt zu den drängendsten Aufgaben der künftigen Bundesregierung. Denn mit den heute zu treffenden Entscheidungen werden die Weichen für die nächsten Jahrzehnte gestellt. Für diese energiepolitischen Weichenstellungen hat der internationale Kongress der Energietechnischen Gesellschaft im VDE (VDE|ETG) am 5. und 6. November in Berlin eine besondere Aktualität. Wichtige Botschaften lauten: Wenn die Energiewende gelingen soll, muss die Politik verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, um Investitionen in Smart Grids, den Kraftwerkspark oder die Speicherforschung zu intensivieren. Außerdem sind Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz und die Erprobung neuer Technologien, wie beispielsweise Power to Gas, voranzutreiben. Es gilt, in einem engen Zeitkorridor ein neues Strommarktdesign zu kreieren, das effiziente und ausreichende Investitionen in allen Systembereichen ermöglicht und Anreize für Innovationen setzt, anstatt bereits marktfähige Techniken zu subventionieren.

Um die Entscheidungswege zu verkürzen und Synergien effizient zu nutzen, sollten aus VDE-Sicht die Kompetenzen in Fragen der Energiepolitik stärker gebündelt werden. Darüber hinaus muss die europäische Dimension beim Umbau des Energieversorgungssystems stärker berücksichtigt werden. Zum einen, weil von den Folgen der deutschen Energiepolitik zunehmend auch Nachbarländer betroffen sind, zum anderen, weil die technischen Voraussetzungen für einen funktionierenden europäischen Energiemarkt geschaffen und Tausende Kilometer von Stromtrassen gebaut oder modernisiert werden müssen. Die von der EU-Kommission beabsichtigte Bereitstellung von 5,8 Milliarden Euro für neue Stromtrassen und Gasleitungen in Europa wäre dabei ein Anfang. Da die Kosten der Energiewende in den nächsten zwei Jahrzehnten allein in Deutschland auf dreistellige Euro-Milliardenbeträge geschätzt werden, führt an höheren Investitionen und einem zukunftsfähigen europäischen Systemdesign kein Weg vorbei.

Intelligente Stromnetze sind Basis der Energiewende

Der weltweit aufmerksam beobachtete Umbau des deutschen Energieversorgungssystems bringt gewaltige Herausforderungen mit sich, zumal grundlegende strukturelle Veränderungen im Systemdesign während des laufenden Betriebs vorgenommen werden müssen – sozusagen eine Operation am offenen Herzen. Eine besondere Rolle spielen dabei ein intelligentes Lastmanagement zur Synchronisierung von volatiler Erzeugung und Verbrauch und die Automatisierung der Verteilnetze. Im Smart Grid findet die eigentliche Energiewende in Deutschland statt. Über die Verteilnetze, also die Spannungsebenen 110kV und darunter, werden über 97 Prozent der erneuerbaren Energien eingespeist. Auf diesen Netzebenen war 2012 mit 83 GW bereits mehr Leistung angeschlossen als an den Übertragungsnetzen. Bisher waren in Deutschland rund 8.000 Anlagen – Kraftwerke und Schwerpunktstationen in den Netzen – fernüberwacht und ferngesteuert. Dezentrale Erzeugungsanlagen und die etwas mehr als eine halbe Million Ortsnetzstationen gehörten bisher noch nicht dazu. Diese Situation wird sich in Zukunft grundlegend ändern. Damit ist die automatisierte Beherrschung von Millionen von Elementen eine der wesentlichen Herausforderungen für die wirtschaftliche Effizienz der Energiewende.

Internationales Experten-Panel sieht Politik und Regulierung in der Pflicht

Neben Herausforderungen eröffnet die Energiewende – sofern richtig konzipiert und realisiert – auch beachtliche Standortchancen. Ob und wie sie genutzt werden, hängt zu einem Großteil von der Gestaltung der politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen ab. Das bestätigt auch eine Umfrage unter Energieexperten, die am Rande des von VDE, IEC und State Grid Corporation of China ausgerichteten World Smart Grid Forums (WSGF) im September 2013 in Berlin durchgeführt wurde. Die Experten sehen ein zunehmendes Risiko von Stromausfällen wegen der wachsenden Volatilität aufgrund der schwankenden Einspeisung von Energie aus erneuerbaren Quellen, wegen der zunehmenden Dezentralität der Erzeugung und wegen möglicher Cyber-Attacken. Insbesondere die verstärkte Anwendung von Automatisierungs- und Informationstechnik in den Netzen – und das heißt: Smart Grids – kann aber die Verlässlichkeit und Sicherheit der Stromversorgung verbessern. Engpässe für den Einsatz von Smart Grids liegen laut Umfrage vor allem bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen und der Regulierung. Dementsprechend sieht auch mehr als ein Viertel der Befragten die Politik und Regulierung als wesentliche Impulsgeber für die Bereitstellung von Smart Grids in den nächsten zehn Jahren.

Die Basistechnologien für Smart Grids auf der Übertragungsebene sowie die Techniken und das Know-how für den Bau von Smart Grids auf der Verteilungsebene sind prinzipiell verfügbar. Darüber hinaus hat die 2. Deutsche Normungsroadmap „E-Energy/Smart Grid“ der VDE|DKE den Boden für die Realisierung von Smart Grids bereitet. Um allerdings Smart-Grid-Technologien in signifikanten Dimensionen nutzen zu können, gilt es, die internationale Standardisierung weiter voranzutreiben, die Kooperation zwischen Disziplinen, Branchen und Ländern zu verbessern, die Forschungsanstrengungen zu intensivieren und insbesondere Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen sich Investitionen in Smart Grids lohnen – denn sonst werden diese nicht getätigt.

Die Menschen bei der Energiewende mitnehmen

Der Umbau der Elektrizitätswirtschaft bietet eine einzigartige Chance für die deutsche Forschung und Industrie. Indem sie in vielen Bereichen der Energiewende Neuland betritt, kann sie einen beachtlichen Wissens- und Wettbewerbsvorsprung erarbeiten, eine Pionierrolle im strategisch wichtigen Sektor Energietechnik übernehmen und die Erfolgsgeschichte der deutschen Elektroindustrie fortschreiben. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist ein positives gesellschaftliches Innovationsklima und eine breite Akzeptanz für die erforderlichen Innovationen. Vor diesem Hintergrund hat die VDE|ETG anlässlich ihres Kongresses einen Leitfaden erarbeitet, der allgemein verständlich über die Entwicklung der elektrischen Energieversorgung informiert. Der Leitfaden „Elektrische Energieversorgung auf dem Weg nach 2050“ wendet sich an Politik, Interessengruppen, Medien und Öffentlichkeit, die sich mit den aktuellen Problemfeldern der elektrischen Energieversorgung, wie neue Energienetze, Speicher oder Elektromobilität, vertraut machen wollen. Der VDE ist überzeugt: Die politisch gewollte und technisch mögliche Energiewende wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie von den Bürgerinnen und Bürgern mit getragen und wirtschaftlich sinnvoll gestaltet wird.


VDE-Empfehlungen für die neue Bundesregierung

  • Gesamtkonzept: Die Energiewende erfordert ein Gesamtkonzept, das eine stärkere Markt- und Systemintegration der erneuerbaren Energien sichert. Dazu muss die Politik rechtliche und regulatorische Rahmenbedingungen schaffen, die Planungssicherheit geben sowie Anreize für effiziente und ausreichende Investitionen zur Sicherstellung einer Elektrizitätsversorgung setzen, welche die Ziele zur Nachhaltigkeit erfüllt und gleichzeitig Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit sicherstellt.
  • Normungsroadmap: Die Ergebnisse der deutschen Normungsroadmap Smart Grid unter Federführung von VDE|DKE, die international als wertvolle Pionierarbeit gesehen werden, sollten unmittelbar für rechtliche und regulatorische Weichenstellungen genutzt werden.
  • IT-Sicherheit: Das intelligente Energieversorgungssystem als systemrelevante kritische Infrastruktur stellt besonders hohe Anforderungen an Schutzmaßnahmen gegen Manipulationen und Angriffe. Das Thema IT-Sicherheit, für das sich der VDE auf internationalem Parkett engagiert, erfordert daher größte Aufmerksamkeit und Anstrengungen technischer, normativer, gesetzgeberischer und auch finanzieller Art.
  • Forschung: Die Forschung steht vor gewaltigen Aufgaben, zu deren Lösung auch die Unterstützung der europäischen Politik erforderlich ist. Das Aufgabenspektrum reicht von Grundlagenforschung bei Basistechnologien, Speichern oder der kontaktlosen Energieübertragung bis hin zu Pilotprojekten und Demonstratoren.
  • Europa: Die europäische Dimension muss beim Umbau des Energieversorgungssystems stärker berücksichtigt werden. Ein wichtiges Ziel ist ein gemeinsamer europäischer Energiemarkt. Dafür gilt es die erforderlichen infrastrukturellen Voraussetzungen zu schaffen.
  • Kompetenznetz: Um mit Blick auf die komplexen und drängenden Aufgaben der Energiewende die Entscheidungswege zu verkürzen und Synergien effizient zu nutzen, sollten die auf mehrere Ministerien verteilten Kompetenzen in Fragen der Energiepolitik in der nächsten Legislaturperiode stärker gebündelt werden.