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14.08.2018 Seite 103 0

Geschichte

Auszüge aus dem Buch "Elektrotechnik in Württemberg"
Herausgegeben von Eberhard Herter, Teubner

2 Die Elektrotechniker formieren sich

VDE-Bezirksverein Württemberg e.V.

Anfang 1879 schrieb Werner von Siemens einen Brief an den damaligen Reichspostmeister Heinrich von Stephan, in dem es u. a. heißt:

"Ew. Excellenz erlaube ich mir beifolgend einen Statutenentwurf für einen "Deutschen Verein für Electrotechnik" zur geneigten Kenntnisnahme zu unterbreiten. Es hat sich mir doch die Überzeugung aufgedrängt, dass ein "Telegraphen Verein" nicht genug Material und thätige Kräfte bei uns finden würde, um dem bestehenden englischen Vereine sich würdig zur Seite stellen zu können. Ich erlaube mir daher in Vorschlag zu bringen, Ew. Excellenz wolle das Protectorat über einen das ganze Gebiet der Electrotechnik umfassenden Deutschen Verein übernehmen. Ein solcher Verein ist ein unabweisbares Bedürfnis geworden und kann eine ungemein segensreiche Wirkung entfalten! Neben der Telegraphie, die schon in etwas ruhigere Fortschrittsbahnen eingelenkt ist und das aristocratisch conservative Element der Electrotechnik repräsentiert, sehen wir überall ein wildes Rennen auf diesem Gebiete, ein ernsthaftes Streben, der Electricität einen wichtigen Platz in den alten Industriezweigen zu erobern und neue aus sie zu begründen. Namentlich seit durch die dynamo-elektrischen Maschinen die Möglichkeit gegeben ist, starke electrische Ströme durch Arbeitskraft zu erzeugen, ist das electrische Zukunftsgebiet fast unbegrenzt worden. Ich brauche nur an electrisches Licht, an Kraftübertragung durch Electricität, an die electrische Kupferraffinerie im Großen zu erinnern, dis sich neuerdings schon Bahn gebrochen haben. Wahrscheinlich wird das ganze Hüttenwesen einer Umgestaltung entgegengehen. Ferner erwähne ich das neue electrische Eisenbahn-Sicherungs-System, welches bald den ganzen Eisenbahndienst umgestalten wird. Überall fast begegnet man schon den Lebenszeichen der eindringenden Electricität! Benutzt doch das Militär sich schon zum Kriegführen in 6 bis 7 verschiedene Gestalten! Allen diesen Bestrebungen fehlt bisher ein ordnender, berichtigender, belehrender Mittelpunkt. Ich bin überzeugt, dass dem Vorgange Deutschlands bald alle anderen Kulturstaaten mit Bildung electrotechnischer Gesellschaften nachfolgen werden, es wird aber immer von großem Nutzen bleiben, zuerst auf dem Platze gewesen zu sein. Für die Entwicklung der Electrotechnik hat kein Land einen fruchtbareren Boden wie Deutschland, weil in keinem andern die naturwissenschaftlichen Kenntnisse so verbreitet sind."

In diesem Brief wird erstmalig (?) der Begriff Elektrotechnik verwendet. Werner von Siemens wollte die Führungsposition Deutschlands auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und der Technik sichern und ausbauen. In der Elektrotechnik waren auf vielen Gebieten rasche Entwicklungen im Gang: die Fachleute der bereits etablierten Telegraphentechnik waren nicht in der Lage, die neuen Gebiete richtig zu vertreten.
Die Initiative hatte Erfolg. 1879 wurde der Elektrotechnische Verein (EV) gegründet, und Werner von Siemens war der erste Präsident. Ab 1880 gab der EV die Elektrotechnische Zeitschrift (ETZ) heraus, die heut noch jedem Elektrotechniker bekannt ist. Der EV bestand zunächst nur in Berlin, weitete sich aber rasch in andere Städte aus. Das Wunschziel, alle deutschen Elektrotechniker zu vereinen, wurde allerdings nicht erreicht: Es gelang nicht, die 1881 in Frankfurt gegründete Elektrotechnische Gesellschaft zu integrieren.

Das eigentliche Problem des EV war jedoch von anderer Natur: Die Reichspostverwaltung, die klassische Telegraphentechnik war überrepräsentiert. Dadurch hatten die vielen modernen Entwicklungsrichtungen im EV nicht den notwendigen unabhängigen Fürsprecher. Dies zeigte sich, als die Störung von Schwachstromanlagen durch Starkstromanlagen zur Debatte stand. Wir folgen weitgehend der Schilderung in [6].

Schon 1887 hatte der EV eine Kommission zum Studium dieser Erscheinungen eingesetzt, die aufgrund von Versuchen 1888 einen Bericht erstattete und Ratschläge für die Ausführung der Starkstromanlagen gab. Bei der weiteren Erörterung dieses Problems machten die Vertreter des Schwachstroms geltend, sie seien zuerst auf dem Platze gewesen und die Besitzer der Starkstromanlagen hätten daher alle Kosten für die Beseitigung von Störungen zu übernehmen. Die Starkstromtechniker hielten das für unbillig, weil ihre Anlagen ebenfalls im allgemeinen Interesse lägen.

In dieser Zeit hatte die Reichsregierung dem Reichstag ein Telegraphen-Gesetz vorgelegt, in das im Laufe der Kommissionsberatungen folgender Paragraph eingeführt worden war:

"Elektrische Anlagen sind, sobald gegenseitige Störung zu befürchten ist, auf Kosten desjenigen Teiles, welcher dieser Gefahr veranlasst, so anzuordnen, dass sie sich nicht störend beeinflussen können." Diese Fassung, die den Wünschen der Reichspostverwaltung entsprach, war natürlich für die Starkstromtechnik untragbar, denn der störende Teil konnte immer nur die Starkstromanlage sein. Der Errichter einer Fernmeldeanlage wäre aber nicht verpflichtet gewesen, etwas zum eigenen Schutze zu tun, selbst wenn die störende Starkstromanlage zuerst bestanden hätte.

Gegen dieses Gesetz gab es nun diverse Petitionen, u. a. vom Deutschen Handelstag und den Städten Berlin und Köln. W. Lahmeyer überzeugte in einem Vortrag die Mitglieder der Elektrotechnischen Gesellschaft in Frankfurt/M. von der Notwendigkeit einer Resolution und Eingabe an den Reichstag. Tags darauf konnte er aber diesen Erfolg nicht wiederholen: Beim Elektrotechnischen Verein in Berlin stand der Punkt nicht auf der Tagesordnung, so dass ein Beschluss per Geschäftsordnung vom damaligen Vorsitzenden (Reichspost!) verhindert werden konnte.

Bei den weiteren Beratungen wurde dem strittigen Paragraphen diese mildere Fassung gegeben [6]:

"Elektrische Anlagen sind, wenn eine Störung des Betriebes der einen Leitung durch die andere eingetreten oder zu befürchten ist, auf Kosten desjenigen Teiles, welcher durch eine spätere Anlage oder durch eine später eintretende Änderung seiner bestehenden Anlage diese Störung oder die Gefahr derselben veranlasst, nach Möglichkeit so auszuführen, dass sie sich nicht störend beeinflussen."

Auch in dieser Form erwies sich das Gesetz für die Starkstromtechnik noch als sehr hinderlich. Doch ging die Reichspost-Verwaltung wenige Jahre später von sich aus dazu über, Telegraphenlinien aus Doppelleitungen anzulegen, womit die Gefahr der Störungen beseitigt war. Aber erst das Telegraphen-Wegegesetz von 1889 legte die Pflicht der Telegraphen-Verwaltung fest, selbst für Schutzvorkehrungen zu sorgen, wenn sonst die Errichtung anderer volkswirtschaftlich wichtiger Anlagen erschwert würde.

Auch ein Gesetz über elektrische Anlagen, d. h. über die staatliche Kontrolle solcher Anlagen, wurde 1891 als Entwurf dem Bundesrat vorgelegt. Es weckte lebhaften Widerspruch und kam nicht zur Annahme.

Diese und andere Vorgänge ließen eine Organisation als dringend erwünscht erscheinen, welche möglichst unabhängig die wirtschaftliche und technischen Belange der gesamten deutschen Elektrotechnik vertreten konnte. Der EV (Berlin) schien zur Behandlung von Fragen des Wirtschaftslebens und der Gesetzgebung auf elektrischem Gebiete nicht geeignet, schon weil damals von den Mitgliedern des EV ein Drittel Ausländer waren.

Zum Aufbau einer neuen Organisation entfaltete A. Wilke eine rege Werbetätigkeit. In Berlin gründete er (neben der EV) einen zweiten Fachverein, den "Berliner Elektrotechniker-Verein". Dieser erließ im April 1891 diesen Aufruf:

"Wir erstreben die Gründung von Ortsvereinen in allen Städten, in denen eine genügende Anzahl von Fachgenossen wohnt, und die Vereinigung dieser Ortsvereine zu einem Deutschen Elektrotechniker-Verband."

Daraufhin entstanden solche Ortsvereine 1891 in Leipzig und Magdeburg, und 1892 in Köln, Hamburg, Hannover und Dresden.

Im Oktober 1892 wurden unter Führung von A. Wilke die Zusammenschlussbestrebungen wieder aufgenommen. Einige Fachgenossen vereinigten sich zu einem Komitee und versandten ein Rundschreiben mit den Unterschriften: H. Dietrich, E. Kittler, O. Kummer, B. Leitgebel, O. v. Miller, W. v. Oechelhäuser, F. Ross, Wilhelm v. Siemens, Stambke, E. Voit, S. Schuckert, A. Slaby, F. Uppenborn, S. Wächter, A. Wilke.

Nachdem die damals in Deutschland vorhandene elektrotechnischen Vereine sich mit dem Vorschlag des Zusammenschlusses einverstanden erklärt hatten, lud A. Slaby namens des vorbereitenden Komitees zu einer Versammlung für den 9. bis 11. Dezember 1892 nach Berlin ein. Wegen des Todes von Werner v. Siemens am 6. Dezember 1892 wurde die Konferenz auf den 20. bis 22. Januar 1893 verschoben. Dieser Zusammenkunft der deutschen Elektrotechniker war volles Gelingen beschieden. Das Gründungsprotokoll wurde genehmigt und ein vorläufiger Vorstand, bestehend aus A. Slaby, Wilhelm v. Siemens, E. Rathenau, F. Rose und E. Hartmann gewählt.

Die neue Organisation erhielt zunächst den Namen "Verband der Elektrotechniker Deutschlands", dann den Namen "Verband Deutscher Elektrotechniker (VDE)". Als sein Zwecke wurde verkündet: "Wahrung und Förderung derjenigen Interessen, welche das Gebiet des Wirtschaftslebens, der Gesetzgebung, der inneren Organisation der elektrotechnischen Industrie betreffen". Ziele und Aufgaben des Verbands hat A. Slaby bei der Eröffnung der ersten Jahresversammlung wie folgt gekennzeichnet:

"Obenan steht uns die Wissenschaft. Die Liebe zu ihr soll der Leitstern sein, dem unverbrüchlich zu folgen wir uns geloben. Ihren Fortschritt zu beleben, ihre Verbreitung und Vertiefung zu fördern, soll und wird unsere schönste und edelste Aufgabe sein. Doch auch ein Schutz- und Trutzbündnis ist unser Verband. Einstehen wollen wir für die Wahrung der Würde und Bedeutung unserer nationalen Elektrotechnik." Mit dem Elektrotechnischen Verein (Berlin) wurde ein Vertrag geschlossen, wonach die Vereinszeitschrift des EV, die ETZ, auch vom VDE als Verbandszeitschrift benützt werden konnte.

Entsprechend dem von Slaby verkündeten Programm entwickelte sich der Verband schnell zur berufenen Vertretung der gesamten deutschen Elektrotechnik. Der Vorstand nahm sofort nach der Gründung die Arbeiten auf und schaffte sich zunächst eine vorläufige Geschäftsstelle. Schon am 30. März 1893 beschloss er einen Geschäftsführer anzustellen, und am Ende dieses Jahres wurde G. Kapp mit der Leitung der Geschäftsstelle beauftragt. Gleichzeitig wurde er auch als Schriftleiter der ETW im Einvernehmen mit dem Verleger derselben verpflichtet; auch der EV Berlin erklärte sich einverstanden.

Außer dem Vorstand war auch ein Ausschuss gebildet worden, ohne dessen Zustimmung grundsätzliche Entscheidungen nicht getroffen werden durften. Er bestand aus Mitgliedern, die teils von zu dem Verband gehörenden Vereinen, teils unmittelbar von der Jahresversammlung gewählt wurden. Außerdem gehörten ihm die Vorstandsmitglieder an. Der Ausschuss trat jährlich anlässlich der Jahresversammlung zusammen. Alle Vorlagen, die für letztere bestimmt waren, mussten zunächst dem Ausschuss unterbreitet werden.

Die einzelnen Aufgaben wurden von Anfang an in Kommissionen behandelt. Ihre Mitglieder arbeiteten ehrenamtlich. Die Niederschriften über die Kommissionssitzungen wurden stets von einem Mitglied angefertigt, ebenso auch die Entwürfe für die Beschlüsse. Bei der Zusammensetzung der Kommissionen wurde stets Wert darauf gelegt, dass Einseitigkeit vermieden wurde, und dass alle an den zu behandelnden Gegenständen interessierten Kreise, wie Hersteller, Verbraucher, Wissenschaftler, Behörden, vertreten waren.

Für den VDE war die Zusammenarbeit mit den bestehenden elektrotechnischen Vereinen von Beginn an von grundlegender Bedeutung. Nach den oben bereits erwähnten Ortsvereinen gab es diese weiteren Neugründungen: 1893 München; 1898 Aachen und Cannstatt (der spätere Bezirksverein Württemberg, der uns in Kap. 3 noch beschäftigen wird); 1898 Mannheim und Magdeburg; 1900 Kiel; 1902 Karlsruhe; 1903 im rheinisch-westfälischen Industriebezirk (Dortmund); 1904 Hamburg; 1905 Breslau/Oberschlesien; 1908 Hessen (Darmstadt), Krefeld und Saarbrücken; 1922 Thüringen (Erfurt) und Nürnberg.

Als 1907 G. Kapp als Generalsekretär des VDE und als Schriftleiter der ETZ zurücktrat, benutzte man die Gelegenheit, die Verbindung beider Ämter zu beseitigen. Der neue Generalsekretär G. Dettmar betrieb nicht nur die Reorganisation des Verbandes (Delegiertentreffen in Kassel 1907), sondern forcierte auch Verhandlungen zwischen dem VDE und dem EV (Berlin). Diese zunächst recht schwierigen Verhandlungen, bei denen es u. a. um die beiderseitigen Rechte an der ETG ging, führten 1908 zu einer Einigung und zum Abschluss neuer Verträge des Verbands mit dem EV (Berlin), dem den übrigen elektrotechnischen Vereinen und mit dem Verlag Springer. Beim Bericht über die weitere Tätigkeit des VDE in [6] werden die Namen vieler Verbände erwähnt, die im Lauf der Zeit entstanden sind und mit denen der VDE zusammengearbeitet hat. Dazu gehören u. a. der VdEW (Vereinigung der Elektrizitätswerke), der AEF (Allgemeiner Ausschuss für Einheiten und Formelgrößen) und der ZVEI (Zentralverband der deutschen Elektrotechnischen Industrie). Größte Bedeutung hat das Vorschriftenwerk des VDE. Dadurch wurde erreicht, dass die Ausführung elektrischer Anlagen nicht auf dem Weg der Gesetzgebung geregelt wurde. Die große Objektivität, mit der die Vorschriften unter Mitwirkung aller Zweige der Elektrotechnik (Industrie, Elektrizitätswerke, Installateure, Feuerversicherungen, staatliche Behörden) ausgearbeitet wurden, führte dazu, dass sie schon von 1896 an von den meisten deutschen Bundesstaaten anerkannt und den zuständigen Behörden als technische Richtschnur mitgeteilt wurden. Die große Bedeutung der Selbstverwaltung auf diesem Gebiet liegt darin, dass die Vorschriften elastisch bleiben und sich der sprunghaften Entwicklung der Elektrotechnik schnell und leicht anpassen ließen.

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